Stehfest: Im Hier und Jetzt fällt es mir wahnsinnig schwer zu weinen. Zu der Zeit konnte ich heulen und hatte richtige Schreiattacken. Ich erlebte gerade die Trennung von meiner ersten großen Liebe, das war für mich extrem schlimm und schmerzhaft. Ich erinnere mich noch an die toten Tiere bei mir in der Wohnung, um die ich mich nicht gekümmert hatte, die im Käfig verwest sind und ich sie in meinem Druffsein nach Wochen erst rausbringen konnte. Dazu dieser Müll überall und die ständigen Versuche, Euphorie auszuschütten, indem man sich noch eine längere Bahn baut. Und ich erinnere mich an dieses Gefühl, vor dem Wir zu stehen, gefühlte Stunden, mich in meinen Augen zu verlieren und diesen abgemagerten Jungen zu sehen. Aber irgendwie immer mit dieser Illusion: Das muss so sein, das ist richtig so.
Wie meinen Sie das?Stehfest: Bei Suchtkranken ist das Problem, dass oft versucht wird, von außen zu helfen, der Süchtige aber denkt, dass er noch gar nicht ganz unten ist, nach dem Motto: Wenn ich schon mal auf diesem Pfad bin, will ich jetzt auch sehen, wie es ganz unten aussieht. Nach dem siebten Tag bin ich davon ausgegangen, dass ich sterben werde. Um diese Auseinandersetzung geht es letztendlich: sich bewusst zu machen, dass das Leben nicht endlos ist und man sich überlegt, was man im Leben von dem, was man mal wollte, schon erreicht hat. Es war schmerzhaft, mir ein paar Dinge klarzumachen, dass ich mein Kind verloren hatte, dass ich Europa noch nicht verlassen hatte, dass ich noch keine tiefgreifende Rolle spielen durfte. Das hat mich wahnsinnig traurig gemacht.
Heute sind Sie in der Aufklärungsarbeit tätig. Haben Sie das Gefühl, dass in den Jahren die Aufklärung über Crystal Meth besser geworden ist, dass ein größeres Verständnis für die Gefahren herrscht?Stehfest: Ich habe das Gefühl, dass unsere Politik sich auf andere Themen stürzen muss, die lauter sind. Kein Politiker kam bisher auf mich zu und hat eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Das war zu Zeiten von Christiane F. ganz anders, da war das Thema noch präsent und offensichtlich, da waren unsere Bahnhöfe noch nicht sauber. Das macht mir Sorgen. Es gibt viele wichtige Themen, um die wir uns kümmern müssen, aber wir müssen erst mal lernen, uns selbst zu lieben und ein gepflegtes System in uns zu tragen.
Nach Ihrem "Dancing on Ice"-Sieg haben Sie Ihren Rückzug angekündigt und gemeint: "Ich habe gefunden, was ich gesucht habe." Wie würden Sie Ihr aktuelles Leben beschreiben?Stehfest: Ich habe gesagt, ich verlasse die Öffentlichkeit als Eric Stehfest. Er wird auch nicht mehr wiederkommen, sondern Ampel, Erics Alter Ego. Er war der Rebell, der nach vorne gegangen ist in die erste Reihe, keine Angst kannte und sich für seine Werte eingesetzt hat. Das Problem in der Vergangenheit war, dass er dafür noch Drogen brauchte - heute ist sein Geist nicht mehr benebelt. Mit Lotta Laut, meiner Frau, und zwei weiteren Mitgliedern, Omega und Hannibal, bildet Ampel die Band €$ OH €$. Gemeinsam werden wir unsere Stimme einsetzen, der Wahrheit dienen und eine Bewegung lostreten. Dass wir als Menschen wieder für unsere Werte einstehen und uns verbunden fühlen. Ich habe es geschafft, aus dem Drogensystem auszusteigen, jetzt ist das nächste System dran.
Wieso haben Sie sich Ampel ausgesucht?Stehfest: Eric Stehfest hat es im aufbrausenden Rechts-Links-Konflikt nicht hinbekommen, etwas zu sagen, weil er Angst hatte, dass seine Meinung dem ein oder anderen nicht gefällt. Deshalb hat er sich dafür entschieden, die anderen reden zu lassen. Diese Hilflosigkeit musste ich bekämpfen und aufheben, weil ich das nicht bin. Da ist mir Ampel eingefallen, dem ist es egal, was die anderen denken. Er ist aber auch nicht mehr der 14-Jährige von früher, der einfach drauf los plappert, sondern kurz mal nachdenkt und sich eine Strategie überlegt. Diesen klaren Blick nach draußen habe ich gesucht.
Sie haben eine harte Kindheit und Jugend hinter sich - was wünschen Sie Ihrem Sohn?Stehfest: Ich wünsche mir für ihn, dass ich viel Zeit habe für ihn, die hatte ich in den letzten drei Jahren nur bedingt. Ich finde seine sensible und liebevolle Art sehr berührend, weil sie mich heilt und ich kann sie ihm zurückgeben. Das konnte mein Vater nicht und meine Mutter nur teilweise. Ich wünsche mir, dass er das Erwidern immer wieder bekommt, wenn er es braucht.